Was ist unser Mediensystem wert?

Eine Analyse, die auf der Sendung „Kachelmanns Fall – Was ist ein Freispruch wert?“, gesendet im ARD, aufbaut.

Dass solch eine Sendung ein breites Echo nach sich ziehen würde, verwundert wahrscheinlich nicht einmal den naivsten Rezipienten. Schließlich zog sich das Verfahren um den Vergewaltigungsvorwurf gegen Kachelmann von 2010 bis 2011 hin und dieser krönte es schlussendlich mit einem Buch, dass den Titel „Recht und Gerechtigkeit: Ein Märchen aus der Provinz“ trägt. Als Gäste lud Günther Jauch nicht minder Prominente und wortstarke Genossen unserer Bundesrepublik ein, die für einen, teils harten Schlagabtausch, sorgten.

  • Miriam Kachelmann – Jörg Kachelmanns Ehefrau
  • Winfried Hassemer – Ehemaliger Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts
  • Gerhart Baum, FDP – Rechtsanwalt und ehemaliger Bundesinnenminister
  • Hans-Hermann Tiedje – Journalist/Chefredakteur bei Bunte und BILD

Das mediale Echo fiel ebenfalls lautstark aus und das obwohl selbst dem naivsten Journalisten hätte klar sein müssen, dass Günther Jauch (1) nicht die ultimative Wahrheit in petto hat, (2) solch eine Sendung es nur bedingt zulässt auf alles Vorgebrachte einzugehen und (3) diese Gästekonstellation ein unvermeidbares Restrisiko in sich birgt, aber auch gleichzeitig den Charme solch einer Sendung ausmacht.

In der darauffolgenden medialen Resonanz kritisierten die etablierten Medien wie Spiegel Online, Die Welt, der Stern oder die FAZ Jauch hauptsächlich für dessen Gesprächsführung, die Tiedje viel Spielraum gab um Kachelmann persönlich anzugreifen.

Abseits dieser und womöglich anderer Kritik bleibt eine andere diskussionswürdige Frage allerdings vollkommen im Trüben – die „Durchstechereien“ von vertraulichem Material an die Presse. Dies verwundert besonders, da es in dieser Sendung ein häufiges, wenn nicht zentrales Thema, für unser Medien- und Rechtssystem, gewesen ist. Dazu äußerte Hassemer, dass es einen Straftatbestand, u.a. in England gäbe, der „Contempt of Court“ heiße und so viel bedeute, wie „Missachtung des Gerichts“. Der Sinn dieses Gesetzes bestehe in der Notwendigkeit, dass Gerichte Zeit und Abgeschiedenheit brauchten, um zu einer Entscheidung zu gelangen. Eine stark manipulative Berichterstattung verhinderte dies allerdings, da so unweigerlich auch Reize von außen eine Rolle spielten. Zwar hält er dieses Gesetz, im Falle der BRD, für eine zu starke Einschränkung der Pressefreiheit, das grundsätzliche Problem hingegen allerdings für gravierend. Baum äußert in diesem Fall, dass es Schadensersatzansprüche gegenüber dem Bund geben müsste, die so als Regulativ dienen könnten. Wie eine mögliche Durchsetzbarkeit solch einer Klage wiederum aussehen könne und unter welchen Gesichtspunkten dies überhaupt beweisbar ist, darüber war sich die Runde unterdessen uneins.

Dass eine Regelung in diesem Fall unausweichlich scheint, bestätigt u.a. die Kritik an der Vorveröffentlichung von Auszügen aus dem Gutachten gegen Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) die nun um ihren Doktortitel bangt. Auch hier wiederholt sich das angesprochene Problem in aller Deutlichkeit. Dieses Mal allerdings zu Ungunsten der Universität Düsseldorf, die damit die Plagiatsvorwürfe in der Koalition aus CDU/CSU und FDP neu anheizte. Schließlich verloren schon Esther Silvana Koch-Mehrin (FTP) und Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg (CSU) im Jahr 2011 ihre Doktortitel.

Fraglich hingegen bleibt, ob ein so striktes Vorgehen, wie in England, als die SUN und der Daily Mirror zu durchaus beachtlichen Geldstrafen von 18.000 und 50.000 britischen Pfund verurteilt wurden auch in Deutschland diesem Verhalten Einhalt bieten oder ob in diesem Fall die Portokassen der etablierten Medien einfach nur aufgestockt werden, um einer möglichen Strafzahlung grinsend gegenüber zustehen. Zu vermuten wäre dies, da die Springerpresse eine ähnlichen Umgang mit Rügen des Deutschen Presserats zeigt, die eher lax genommen und als Bestätigung ihrer Artikel betrachtet werden – quasi als Gütesiegel.

Weiterhin, durchaus nicht von der Hand zu weisen, ist der medienethische Gesichtspunkt, der sicherlich auch den Pressekodex berührt, da hier unausgewogen und meist nachteilig über einen Beschuldigten berichtet wird, ohne dass sich dieser nennenswert wehren kann bzw. sein Ansehen auch im Falle eines Freispruchs für immer beschädigt ist. Schließlich muss eine negative Berichterstattung erst einmal überwunden und kompensiert werden. Ganz gleich, ob ein Gegendarstellungsdruck existiert, der Argwohn und der Reputationsverlust in den Augen der Gesellschaft bleiben erhalten.

Daher meine Frage an die voyeuristische Öffentlichkeit, sollten wir etwas ändern oder jammern wir erst wenn wir selbst betroffen sind und verurteilen dann Gott und die Welt dafür, dass es uns vorher recht wenig interessierte oder kann eine Veränderung auch vor einem entsprechendem Gesetz, welches womöglich die Pressefreiheit einschränkt, stattfinden?

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