Deutsche Verlage am Rand des digitalen Abgrunds

Sicherlich haben alle Beteiligten ein unterschiedliches Verständnis von Kapitalismus, wie sonst lässt sich verstehen, dass Medien- und Verlagsbetriebe solch ein google-Bashing betreiben? Insgesamt und maximal verallgemeinert, sagt der Kapitalismus, dass jeder Marktteilnehmer nach Gewinn strebt und das mit seinen Mitteln zu erreichen gedenkt. Dabei spielen natürlich der Konsumwille und dessen bestmögliche Befriedigung eine zentrale Rolle. Dennoch scheint es, dass einigen dieser Gedanke fremd geworden ist und sie fleißig, mit Lobbyisten, um alte Pfründe und Erlöskonzepte kämpfen.

Vielleicht erinnert sich noch jemand an Napster, das war ursprünglich eine Tauschplattform für Musik, die der Musikindustrie einen gehörigen Schrecken einjagte. Denn sie bediente zwei wesentliche Bedürfnisse der Nutzer: (1) kostenfreier Zugang zur Musik und (2) keine Restriktionen bei der Verwendung dieser Inhalte. Zum gleichen Zeitpunkt stellte der legale Weg, eine an Masochismus grenzende Selbstkasteiung dar, welcher nicht nur von Digital Rights Management (DRM) gekennzeichnet war, sondern auch von horrenden Preisen. Einige Jahre und viele Gerichtsverfahren später erkannte die Musikindustrie, dass es klüger ist, dem durchaus zahlungswilligem Konsumenten, eine ebenso einfache Plattform an die Hand zu geben – wenig später wurde das geboren, was wir heute unter iTunes und dergleichen kennen.

Und die Moral von der Geschicht? Kämpft doch weniger gegen die Konsumenten, sondern bietet ihnen Konzepte und Plattformen, die ihren Gewohnheiten entsprechen und wo sie sich wohlfühlen – damit sie auch mit einem guten Gefühl Geld ausgeben!

Leider kamen diese Erkenntnisse nicht überall gleichermaßen an und so erleben wir heute immer noch folgende Absonderlichkeiten, wie sie im Filmvertrieb zu beobachten sind. Auch hier führen die gleichen Probleme zu immer wieder gleichen Folgen – warten wir einfach ab, ab wann sich auch hier diese Erkenntnis der Musikindustrie durchsetzt.

Ein weit größeres und auch immer grotesker werdendes Schlachtfeld ist zwischen google und traditionellen Presseverlagen entbrannt. Einerseits haben die Verlage entdeckt, dass ein Onlineangebot die sinkenden Printumsätze auffangen könne, dazu äußerte sich Mathias Döpfner vom Springer Verlag, andererseits glauben diese offenbar, dass die Internetnutzer diese Inhalte ohne Hilfe finden und auch konsumieren. Allerdings ignorieren sie gern, dass durch die Komplexität des Internets auch die Reizüberflutung zunimmt und so die Wichtigkeit einer Suchmaschine existenziell notwendig ist. Das google diese Funktion mit Bravour erfüllt, steht außer Frage, schließlich liegt die Reichweite in Deutschland bei circa 90%. Doch diese Stellung wächst nicht von heute auf morgen und die Nutzerbindung, die google zu einer beliebten Werbeplattform macht, hilft jedem Unternehmen gleichermaßen – warum also das Problem?

Der Gedanke, der dahinter steckt, ist folgender. Google befördert die Nutzer, ähnlich wie ein Taxi zu einem Ort, den sie alleine womöglich nur umständlich erreicht hätten und verlangt dafür, diesen Ort genau zu kennen. Nichts anderes steckt hinter der Plattform news.google.de, die eine Sammlung von stets aktuellen Nachrichten enthält, diese allerdings nur kurz angerissen erscheinen. Dadurch muss der Nutzer die Seite der Entstehung auch besuchen, um die dortige Infrastruktur zu nutzen. An diesem Punkt entzündete sich der Streit der erhitzten Gemüter in den Verlagen. Schließlich sei guter Journalismus nicht gratis zu erbringen, ganz gleich was darunter genau zu verstehen ist, schließlich gelten in ihren Augen Blogger als nicht adäquat zu ihrem Portfolio. Gleichzeitig beklagen sie die Umsonstkultur, die dem Internet seit langer Zeit anhängt und verteufeln googel dafür, dass sie nicht auch noch für die Taxileistung Geld bekommen. Wäre ich Unternehmer, würde ich eher mit dem Taxifahrer eine Provision vereinbaren, damit er Gäste bevorzugt zu mir bringt und ihn nicht noch dafür bestrafen. Aber hier liegt der Fall scheinbar anders und das obwohl die angesprochene Plattform keine Werbeeinnahmen generiert, da dort schlicht keine Werbung existiert.

In Summe bedeutet das, dass die Verlage zwar von google profitieren, indem sie mit dem Gut Aufmerksamkeit bezahlt werden, ihnen dies aber nicht reicht, obgleich sie es nicht hinbekommen ein eigenes Vermarktungskonzept zu installieren. Welches Dilemma – nur wie begegnet man einer Sache, die durch die eigene Unfähigkeit erst möglich wurde, obwohl andere Mitspieler, wie die Musik- und seit neustem auch immer mehr die Filmindustrie, schon die Kurve gekriegt haben? Ihr werdet es nicht glauben, aber in diesem Falle investiert man nicht etwa in neue Konzepte, sondern in Lobbyisten, die nach Herzenslust die Politik manipulieren, schließlich gibt es ja noch nicht mal den Straftatbestand der Beamtenbestechung. Das prekäre daran, durch diese Nichtdurchsetzung dieses EU-weiten Abkommens, bewegt sich Deutschland mit Syrien auf politischer Augenhöhe. Da wundert es freilich niemanden, dass Lobbygesetze, wie das Leistungsschutzrecht, die Runde machen, aber auch hierauf fiel google schon eine Lösung ein – die Nicht-Indexierung in den Suchvorschlägen. Der Taxifahrer hat quasi vergessen, dass es den Ort XY je gegeben hat.

Der Medienmogul Rupert Murdoch, der unter anderem die Zeitungen „The Sun” und „News of the World” besitzt, versuchte sich ebenfalls an einem google-Aufstand und scheiterte kläglich. Schlussendlich musste auch er einsehen, dass Aufmerksamkeit ein nicht zu unterschätzendes Gut ist, für das es sich durchaus lohnt ein Vorhaben zu überdenken. Dennoch scheint es nicht so zu sein, dass hier andere Medienunternehmen eine Erkenntnis daraus ziehen, vielmehr proben sie nun Jahre nach Murdoch den Aufstand – wer ist da nicht gespannt, wie es ausgeht und welcher Preis für die billig zu habende Erkenntnis zu zahlen ist?

Ganz gleich, wie sich dieses Problem in Zukunft entwickelt, denkbar wäre womöglich eine Kreuzlizensierung, nach dem Motto: Damit ich dich aufliste, muss ich auch auf deinen Content zugreifen dürfen – besteht dennoch eine Restüberzeugung meinerseits, dass die Betroffenen ein funktionierendes Konzept ausarbeiten, welches beiden Seiten gerecht wird, schließlich sind sie alle nichts ohne die Rezipienten, die deren Inhalte konsumieren. Vielleicht merken ja auch noch andere Marktteilnehmer, wie die traditionelle Buchverlage, dass hier bedeutend mehr Möglichkeiten bestehen, aus der Krise der sinkenden Buchverkäufe auszubrechen, als sich an alten und überholten Preisbindungskonzepten festzuhalten und dem E-Book die Chance zu geben, die es in den USA schon längst genutzt hat. Das Handelsblatt spricht hier von einem Verhältnis der E-Book-Verkäufe von 15 zu 1 (USA : Deutschland). Und dass wir auch hier ähnliche Abmahnkriege zu befürchten haben, wie bei Musik und Film, zeigt das aktuelle Beispiel der Harry-Potter-Autorin Joanne K. Rowling, dessen Buch „Ein plötzlicher Todesfall“ momentan illegal online verbreitet wird und das wohl wegen dem nicht unerheblichen E-Book-Preis von 19,99€ gegenüber der gebundene Ausgabe mit 24,90€. Zumal bei der digitalen Variante keine Kosten für Druck und Vertrieb nötig sind und noch dazu die englische Originalausgabe des E-Books 15,99€ kostet. Welcher Verbraucher soll hier noch angemessen reagieren können, zumindest was das Preis-Leistungsgefüge betrifft? Die Zeit muss hier einfach zeigen, wer welche Erfahrungen machen muss und wer günstig von anderen lernt.

Daher schließe ich mit diesem treffenden Zitat, welches alle Prozesse in diesem medialen Zirkus vortrefflich abbildet: „Erfahrung ist eine teure Schule, aber Narren wollen anderswo nicht lernen.“ – Benjamin Franklin

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