Gutenbergs Rache: Oder wie die Digitalisierung das Buch vernichtete

buchdruckWas vielen Menschen vollkommen unbekannt sein dürfte, ist, dass Gutenberg mit der Erfindung des Buchdrucks bereits das Todesurteil des traditionellen Buchhandels unterzeichnete.

Als Gutenberg 1458 den Buchdruck in seiner automatisierten Form begründete, konnte ihm kaum klar gewesen sein, dass aufgrund seiner Erfindung das Buch verschwinden würde. Zum damaligen Zeitpunkt verfolgte der versierte Kaufmann ein anderes Ziel, schließlich galt es eine breite Masse zu erschließen. Diese hatte zwar einen Bedarf, den es noch zu wecken galt, jedoch ließ die damalige Preisgestaltung der handschriftlichen Klosterbücher keine große Verbreitung zu. Dazu fehlten nicht nur die Schriftkundigen, sondern auch das Geld, um diese zu entlohnen. Erschwerend kam weiterhin noch die Schriftsprache hinzu, die durch das Bildungsdiktat der Kirche Latein war. Infolgedessen blieben weite Teile der Bevölkerung ohne Bildung und Aufklärung. Zur Kontrolle und Manipulation dürfte dieser Zustand wahrscheinlich traumhaft angemutet haben und viele traditionelle Diktatoren wünschen sich diesen womöglich wieder sehnsüchtig herbei, allerdings begünstigte dieser auch Bevölkerungsexplosionen und Pest in Folge der schlechten hygienischen Zustände. Ganz zu Schweigen von den Zuständen unter denen die Menschen aufgrund des mangelnden technischen Fortschritts leben mussten.

Keine Industrialisierung ohne Gutenberg

Man könnte demnach sagen, dass ohne die bahnbrechende Entwicklung von Gutenberg eine Industrialisierung so nicht möglich gewesen ist. Summiert man alle Erfindungen auf, die unser tägliches Leben bereichern, fallen einem zeitgeschichtlichen Betrachter sicherlich ebenfalls die gescheiterten oder überholten Erfindungen auf, die während des Fortschritts nicht ausbleiben können. Wahrscheinlich nutzt heute kaum noch jemand eine Videokassette oder Schallplatten, auch wenn sich diese ihre exklusive Käuferschicht bewahren konnten und zum Teil noch verfügbar sind. Dieser Sachverhalt ist so keinesfalls neu und wurde schon im Rieplschen Gesetz, um 1913 von Wolfgang Riepl formuliert. Demnach verschwindet kein Medium, sondern es bewahrt sich seine Nische und existiert dort weiter.

Gutenberg hätte den Ebook-Reader gemocht

Aktuell lässt sich der Buchmarkt folgendermaßen Beschreiben: Die Buchhändler klammern sich an die Buchpreisbindung, um zu überleben und Amazon als Sinnbild der Digitalisierung umklammert diese immer stärker, sodass es ihnen die Luft zum Atmen abschnürt. Und doch bei all dem Elend rund um den Umbruch im Buchmarkt, der womöglich letzten Bastion des gesitteten Bildungsbürgertums, stellt sich die Frage, ob Gutenberg den Ebook-Reader nicht sogar gemocht hätte? Meiner Meinung nach schon, denn dieser ermöglicht genau das, was sein Buchdruck den Menschen im 15. Jahrhundert ermöglichte, den schnellen und einfach Zugriff auf Wissen. Auch der Kostenfaktor steht wieder einmal im Mittelpunkt. Die Analogie zwischen dem Buchdruck und der Digitalisierung besteht demnach unverkennbar und zeigt deutlich welchen Stellenwert dieser für die Wissensgesellschaft aufweist. Die Kosten für die Verbreitung von Wissen tendieren gegen null und das bei einer gleichzeitig unbegrenzten Verfügbarkeit, die ohne knappe Ressourcen auskommt. Das nenne ich Fortschritt!

Gutenberg: Begründer und Zerstörer der traditionellen Buchbranche

Wie müsste sich Gutenberg wohl gefühlt haben, bei dem Gedanken in solch umfassender Art und Weise für das Wohl und die Entwicklung der ganzen Menschheit verantwortlich zu sein und gleichzeitig den traditionellen Buchhändler sprichwörtlich das Messer an die Kehle seiner Existenz zu halten? Ich glaube, gemessen an seinem persönlichem Einsatz für die Entwicklung des Buches dürfte sich sein Bedauern in Grenzen halten, da dieser Umformungsprozess, der über Jahrhunderte schon viele Berufsgruppen und Arbeitsweisen betroffen hat und betreffen wird, keinen Halt vor Fortschrittsfeinden macht, die sich an ihr tradiertes Geschäftsmodell klammern und das ohne den Willen, sich innovativ zu entwickeln. Genau an dieser Stelle schließt sich der Kreis des Buches und seiner hervorgebrachten unschätzbar wichtigen Güter für die Menschheit, wonach ein Stillstand in der Entwicklung unweigerlich dem Tod gleichkommt.

Gutenberg der Retter im Trümmerfeld der Buchkultur

Die Geschichte spielt uns damit das Ende des Buchkampfes schon jetzt in die offenen Hände. Selbst wenn jemand nicht zupacken möchte, verpasst ihm doch die Tendenz der Entwicklung eine schallende Ohrfeige. Das Schicksal das zwischen dem 15. und 16. Jahrhundert die Kirchen ereilte, wiederholt sich in leicht abgewandelter Form aber genauso präzise im 21. Jahrhundert am traditionellen Buchhandel. Denn genauso wie die Musikindustrie den Kampf gegen die mp3 nicht gewinnen konnte, genauso kann in der Breite betrachtet, die pdf nicht bezwungen werden.

Und die Moral zur Gutenberg Geschicht?

Solange Riepl recht behält, freue ich mich auch weiterhin noch über schöne Schallplatten und liebvoll gestaltete Druckerzeugnisse, die zum immer wieder Sehen, Hören und Riechen einladen und das ganz ohne den Wasserkopf der ewig Gestrigen, denn das Buch bleibt auch nach der pdf einfach nur “das Buch”. Danke Gutenberg!

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